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Über die Leiche

Sollte jemand denken, dass ich jetzt paar dunkle Geheimnisse aus dem Keller meiner Seele ausgraben würde, wird dieser wahrscheinlich enttäuscht sein. Die Story ist richtig alt und ich habe sie unter meinen Memoires gefunden. Ist zwar vom Inhalt her traurig, aber auch irgendwo satirisch – auf alle Fälle eine Erzählung wert und zu schade, um in die Vergessenheit zu erreichen.

Es war ein sonniger Tag, die Sonne schien und ich kehrte zurück nach Hause aus der Stadt, wo ich den Vormittag bei der Erledigung irgendeiner Familiensache verbracht habe. Je mehr ich mich dem Hauseingang näherte (seitlich), umso stärker wurde das Gefühl, dass es eine Leiche hinter der Trennwand zwischen dem Hauseingang und der Müllkammer (sowjetische Architektur der Nachkriegszeit verdient einen separaten Post, daher einfach so akzeptieren) gab. Von meiner Position konnte ich nur zwei unbewegliche Füße sehen. Dass irgendjemand sich ein Mittagsnickerchen auf dem Boden neben der Müllkammer gönnen wollte, war irgendwie unwahrscheinlich.
Alle Top-Krimi-Serien fangen heutzutage damit an, dass irgendjemand eine Leiche oder eben die Reste davon findet und panisch laut schreit. Vielleicht hätte ich auch geschrien, wenn ich im Wald in die menschlichen Überreste auf voller Geschwindigkeit vom Fahrrad gestürzt wäre. Deswegen ist schon mal gut, dass ich keinen Fahrrad fahre (ja, im ernst). Auf jeden Fall habe ich nur links und rechts geschaut und konnte niemanden sehen. Überhaupt niemanden – keine Polizei, keinen Leichenwagen, keine Omis in den Fenstern oder auf der Sitzbank vor dem Haus. Nada.
Ich bin ein tapferes Mädchen – schnell ins Treppenhaus hereinspaziert. Das erste was ich gemacht habe war, auf den Balkon zu laufen und von dort nach unten schauen, dass es alles keine Einbildung ist. Sah nicht als eine aus.
– Mum, kann es zufällig sein, dass eine Leiche unten leigt?
Der Gesichtsausdruck meiner Cousine hat meine Frage erübrigt.
– Und ich werde das Haus nicht verlassen, solange er dort liegt,- sie war und ist es immer noch ziemlich empfindlich (als ob er aufstehen würde).
– Ähm, so wie es gerade aussieht, – ich habe schon längst den Balkon verlassen und seit einigen Minuten versucht, die Polizei zu erreichen, – wird es noch ein Weilchen dauern. Möchtest du vielleicht was essen?
Die Antwort war ja ein klares „Nein“.
Noch einige Minuten später habe ich endlich mal einen erreicht. Die Freundlichkeit in der Leutnants Stimme ließ vermuten, dass ich meine Story als Minimum erzählen darf.  Als Maximum würde er mir vielleicht sogar glauben. Woher soll ich wissen, wie es normalerweise abläuft?
– Ja, hallo, vor unserem Haus liegt eine Leiche…
– Ich weiß! – die Stimme war so fröhlich, dass der Polizist zusammen mit dem Alfred Quack das Duo singen könnte. Die Antwort in DER Tonalität habe ich nicht erwartet. Ich habe mich vorbereitet, die Fragen wie „Männlich oder weiblich?“, „Wie lange liegt sie schon da?“ und weiter nach der Liste zu beantworten. Aber es kam keine… Als mir nichts Besseres eingefallen ist, habe ich nur gefragt:
– Und jetzt?
– Stört sie Sie? – die Stimme des Leutnants war weiterhin ungesund fröhlich.
– Hm…,- die Frage hat mich richtig irritiert. Ich habe ernsthaft nachgedacht, ob jemand in meiner Situation „nein“ sagen würde. – Wissen Sie, ich fühle mich unwohl, wenn ich aus dem Fenster gucke.
– Echt?
– Ja…
Im Laufe des Gesprächs habe ich dann erfahren, dass jemand in Zivilbekleidung doch schon da war und dass alle benötigten „Prozedere“ somit schnell durchgeführt werden konnten.

 

Ich habe es nie erfahren, was eigentlich passiert ist. Aber die Erfahrung werde ich natürlich nie vergessen, vor allem denke ich wegen der fröhlichen Stimme des Polizisten.
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